Was ist eine Borderline-Störung ?
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung liegt, wie der Name schon sagt, in etwa zwischen Neurose und Psychose, das heißt an der Grenzlinie (= Borderline). Menschen, die an der Borderline-Störung leiden, haben eine Vielfalt von störenden Symptomen, wie Phobien, Angst, Depressionen, unangemessene Hyperaktivität usw... Dadurch, dass die "innere" Welt der Borderline-Persönlichkeit wie die Welt des Kindes in Helden und Bösewichte aufgeteilt ist, kommt es zu - häufig schweren - emotionalen "Überfällen", die mit der auslösenden Situation nichts mehr zu tun haben. Außerdem bewirken diese Überreaktionen häufig Maßlosigkeit im Konsum von z.B. Alkohol oder Drogen sowie im sozialen Verhalten. Drogensucht, Alkoholabhängigkeit und Essstörungen (Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa) sind nicht selten schwer erkennbare "Begleitsymptome" der Borderline-Störung. Hinzu kommt noch eine gewisse Gleichgültigkeit dem eigenen Ich, der eigenen Person gegenüber, was zu Selbstverstümmelung bis hin zur Selbsttötung führen kann.
Was ist eine "emotional instabile Persönlichkeitsstörung"
Eine Störung der Persönlichkeit mit deutlicher Tendenz, Impulse auszuagieren ohne Berücksichtigung von Konsequenzen, und wechselnder, launenhafter Stimmung. Die Fähigkeit, vorauszuplanen, ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu oft gewalttätigem und explosiblem Verhalten führen, dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden. Zu diesen "emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen" zählt auch die Borderline-Störung:
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Typus:
Einige Kennzeichen emotionaler Instabilität sind vorhanden, zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und «innere Präferenzen» (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen führen mit Suiziddrohungen oder selbstbeschädigenden Handlungen (diese können auch ohne deutliche Auslöser vorkommen).
Welches sind die typischen Symptome ?
Wenn mindestens 5 der nachgenannten Symptome zutreffen, dann ist eine Borderline-Störung zu vermuten:
Auf den ersten Blick scheinen diesen Kriterien vielleicht unzusammenhängend oder nur am Rande miteinander verwandt zu sein. Manchmal können wir Teile diese Kriterien auch an uns selbst beobachten. Wenn man sie jedoch genauer betrachtet, erkennt man, dass diese neun Symptome miteinander verwandt sind und in einer Wechselbeziehung zueinander stehen, so dass ein Symptom ein weiteres entzündet, ähnlich wie die Kolben eines Verbrennungsmotors. Fachleute sprechen hier auch von "Aufschaukeln". Ist der Teufelskreis einmal entfacht, wird die Fähigkeit, ein soziales Leben - dazu gehört auch der Beruf - zu führen meist stark eingeschränkt oder gar unmöglich.
Mitschrift aus: "Der Bruch im Ich! Anmerkungen zum Thema Borderline.", Dr. med. Martin Grabe, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie 2 in der Klinik Hohemark, Oberursel/Ts (Vortrag im Rahmen der Frankfurter Psychiatriewoche vom 20. Juni 1999)
Vielleicht eine kurze Erläuterung zu diesem "Mitgekritzel":
Menschen mit einer Borderline-Störung haben sehr früh - meistens aufgrund eines oder mehrerer traumatischer Erlebnisse - für sich selbst die Lösung gefunden, sich von schlimmen und belastenden Ereignissen abzuspalten. Das heißt: die einzige Überlebensstrategie (damals wie heute) war und ist, sich aus der Situation herauszunehmen ("es ist alles nicht wahr", "es passiert nicht wirklich mir"). Deswegen kann es passieren, dass sie kurze oder auch längere "Amnesien" haben: das sind Zeiträume, in denen man real zwar gehandelt hat, sich aber nicht mehr erinnern kann. Siehe hierzu auch die Rubrik Dissoziation im Kuckucksnest. Während dieser Zeit, die hinterher nicht mehr erinnerbar ist, sind manche Borderline-Betroffene "abwesend". Im Zusammenhang mit dieser Abspaltung vom Trauma wird auch die absolute Trennung in "gut" und "böse" verständlich, die sich natürlich im realen Leben nie bewähren kann, weil es eben nicht nur das absolut Gute oder das absolut Böse gibt. Kleine Kinder wissen dies aber noch nicht, und diese Trennung ist ihr einziger Schutz, um Gewalt, Mißbrauch oder unerträgliche Situationen zu überleben. Sie kennen die Ambivalenzen noch nicht und entwickeln diese Strategie der Bewältigung, an der sie und andere im späteren Leben leiden. Sie haben nie lernen können, dass das "sowohl-als-auch" gleichzeitig wahrnehmbar ist.
Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Herrn Dr. Grabe für die schlüssige und verständliche Darstellung der Borderline-Problematik.
"JEDE SEELISCHE STÖRUNG IST EINE BEZIEHUNGSSTÖRUNG"
Diese Erkenntnis trifft insbesondere auf Persönlichkeitsstörungen, wie die Borderline-Störung, zu. Die Klinik Hohemark in Oberursel setzt ihr Therapieangebot auf diesem Grundsatz auf und hat sich insbesondere auf Borderline-Störungen und Psychotraumatologie spezialisiert.
Ursachen der Borderline-Störung
Als Ursache der Borderline-Störung kennt man derzeitig eine frühkindlich gestörte Objektbeziehung:
"Gerade in den letzten Jahren hat sich viel getan (Mahler, Kernberg). Die Ursache der Störung liegt in der präödipalen Phase. Im wesentlichen ist keine Integration guter und böser (Eltern-)objekt-einheiten erfolgt. Das heißt unter anderem, dass der Borderliner nicht unterscheiden kann, ob das Objekt in ihm oder in der Außenwelt ist, daher auch die intensiven Projektionsmechanismen. Der normale Erwachsene hat als Kind gelernt, dass ein und dasselbe Objekt (primär die Mutter) gut und böse sein können. Der Bordeliner hält beide Objekteinheiten strikt voneinander getrennt. Durch die Psychotherapie mit Konfrontation, Stützung und Interpretation kommt es oft zu dramatischen Besserungen."
Dies schrieb mir Ekbert J. Lienhart, der, als Angehöriger einer Borderlinerin und praktischer Arzt ganz besonders an Erfahrungsberichten von Borderlinern interessiert ist. E-Mail: Ekbert_Lienhart@t-online.de, Homepage: http://home.t-online.de/home/Ekbert_Lienhart/
Neben dieser These gibt es aber auch neuere Untersuchungen die einen Zusammenhang der Borderline-Störung und sexuellem Missbrauch und Gewalt in der Kindheit und Jugend sieht.
Als Beispiel ist hier Stone (1981) zu nennen der bei 75% der hospitalisierten Borderline-Patienten eine Anamnese von Inzest fand. Bryer et al. (1987) fanden sogar bei 86% der Borderline-Patianten eine Anamnese von sexuellem Missbrauch vor der Adoleszenz (d.h. vor dem Alter von 16 Jahren) im Vergleich zu 21% im gesamten Patientengut. Es gibt noch weitere Untersuchungen die das belegen.
Ein Merkmal das den sexuellen Missbrauch vor der Adoleszenz belegt, ist das 3/4 der Borderline-Patienten Frauen sind. Da sexueller Missbrauch zwei- bis dreimal häufiger bei Mädchen vorkommt als bei Jungen, könnte dies eine Erklärung dafür sein.
Dies schrieb mir Pashalis Nikoloudis am 8.10.1997. Vielen Dank für die Information!
Vielfach wird ja auch davon ausgegangen, dass die Ursache der Borderline-Störung in einem sexuellen Missbrauch in früher Kindheit liegen kann. Leider gilt diese Ursache nicht nur für die Borderline-Störung, sondern für eine hohe Prozentzahl psychischer Erkrankungen im Erwachsenenalter. Mehr darüber erfahren Sie auf der sehr engagierten Internet-Seite einer Initiative gegen sexuellen Mißbrauch: http://www.mayremus.de/
Wie wird die Borderline-Störung behandelt ?
Leider spricht die Borderline-Persönlichkeitsstörung als solche kaum auf Medikamente an. Behandelt wird zunächst mal auf psychotherapeutischer Basis. Dazu gehören Lithium-Präparate, um die extremen Stimmungsausbrüche (positiv wie negativ) zu dämpfen, Antidepressiva, um die häufig begleitend auftretende Depression zu lindern, und niedrig dosierte Neuroleptika, wenn die psychotischen Symptome zu stark werden. Zu den einzelnen Psychopharmaka, siehe auch die Medikamenten-Rubrik im Kuckucksnest.
Von psychotherapeutischer Seite aus wird die Borderline-Störung mit Sozial- und Gruppentherapien behandelt, die speziell auf ein schrittweises Lernen vom gestörten Sozialverhalten hin zu "angemessenerem" Verhalten konzipiert ist. Sehr wichtig sind permanente Bezugspersonen und eine vorsichtige Restrukturierung im Rahmen des sozialen Umfelds. Die wichtigsten Botschaften dieser Therapien, die der/die Borderline-Gestörte permanent empfangen und erfahren sollte, sind: Mitgefühl, Unterstützung und Wahrheit. Diese drei Grundpfeiler der Kommunikation bei Borderline-Störungen gelten übrigens auch für Angehörige und Partner des/der Erkrankten.
Heilungschancen und Prognose
Die Prognose für eine völlige Heilung von der Borderline-Störung sieht wegen des schlechten Ansprechens auf medikamentöse Behandlung eher nicht so rosig aus. Je früher und je massiver die Störung manifest wird, desto schlechter ist die Prognose.
Wer allerdings bereits die 30 überschritten hat, bevor die Störung ausbricht, d.h. in einer bereits gefestigten sozialen Umgebung mit erlernten Verhaltensregeln lebt, kann davon ausgehen, mit einer begleitenden Psychotherapie ein durchaus "normales" Leben (weiter)führen zu können.
Wie gesagt: die größten Gefahren bei dieser Form der Persönlichkeitsstörung liegen in Drogen- und/oder Alkoholmissbrauch. Häufig wird deswegen die zugrundeliegende Borderline-Krankheit gar nicht erkannt, weil das Suchtproblem im Vordergrund steht. Der Hang zur Maßlosigkeit in Verbindung mit (teilweisem) Kontroll- und Identitätsverlust kann unter Umständen zur Selbstverstümmelung und zur Selbsttötung führen.
Wenn Sie betroffen sind oder eine nahestehende Person kennen, die an der Borderline-Störung leidet, dann würde es mich sehr freuen, wenn Sie Ihre Anregungen, Erfahrungen und Ergänzungen zu diesem Thema beisteuern. Auf diese Weise können andere Betroffene von Ihren Erfahrungen profitieren. Nochmals: wir möchten hier weder therapieren noch Ärzte oder Therapeuten vermitteln! Wir möchten möglichst verständlich und möglichst umfassend informieren. Auch Sie können uns mit Ihrem Feed-Back dabei helfen, aufzuklären, Vorurteile abzubauen und Kontaktschwellen zu überwinden!
Zur Klassifizierung von Borderline-Störungen:
Den nachfolgenden, wertvollen Kommentar verdanken wir einer Betroffenen, die selbst als Ärztin in der Psychiatrie arbeitet:
"Hallo,
Ich denke, ich sollte einiges zum Text anfügen. Ich habe mich selbst sehr intensiv mit dem Thema Borderline beschäftigt, vor allem weil ich selbst diese Diagnose mehrfach erhalten habe, fälschlich, weil die Ärzte nicht kapierten, dass sie es mit mehreren "Personen" zu tun hatten. Außerdem arbeite ich inzwischen als Ärztin in der Psychiatrie, bin also auch in dieser Hinsicht eine Professionelle.
Zum ersten: Borderline als Zustand zwischen Psychose und Neurose zu sehen ist meines Erachtens nicht korrekt, unter dieser Diagnose verbergen sich nämlich unterschiedliche Krankheitsbilder. Zum einen die frühe Beziehungsstörung, wie auf Deiner Homepage beschrieben. Diese gehen häufig mit all den Symptomen die im DSM-IV und ICD-10 beschrieben werden einher, nur ein Symptom fehlt fast immer: Selbstverletzendes Verhalten (SVV). Dieses ist der beste Indikator für dissoziative Zustände und damit für eine traumatische Genese der Störung. In den meisten Psychiatrien Deutschlands wird SVV immer noch mit Borderline gleichgesetzt. Dem kann ich auch von der tiefenpsychologischen Theorie und den Klassifikationen nicht zustimmen. Diese besagen nämlich, dass aufgrund des Abwehrmechanismusses der Spaltung (ich komme noch dazu) ein Wechsel zwischen sehr intensiven Beziehungen und -abbrüchen stattfindet. Und wenn man den Begründer der modernen Borderline-Theorie liest, bemerkt man, dass ein ganz wichtiges Kriterium für diese Diagnose die Tatsache ist, dass es diesen Menschen nicht gelingt, Beziehungen (Freundschaften, Partnerschaften) länger als 1-2 Jahre zu erhalten.
Wenn man diese Kriterien heranzieht, nimmt die Zahl der Borderline-Diagnosen dramatisch ab.
Der Mechanismus der Spaltung:
Es ist nicht zwingend notwendig, dass eine sog. frühe Beziehungsstörung vorliegt, um sorgsam zwischen Gut und Böse zu spalten. In diesem ersteren Fall hat man/frau gar nicht erst gelernt einfach zu verdrängen etc..
Im viel häufigeren Fall wird es später im Leben erforderlich zu spalten bzw. zu dissoziieren. Nämlich dann, wenn das Kind sonst, ob der ihm zugefügten Traumata, in die missliche Lage käme, dass eine nahe Bezugsperson, von der es abhängig ist, in Wirklichkeit ein Schwein ist. Ich denke, das sollte man nicht als Defekt, sondern als bestmögliche Lösung dieser Zwickmühle betrachten.
Also: Bevor man sich in die Schublade Borderline stecken lässt, sollte man genau prüfen und ggf. nachfragen, wie diese Diagnose zustande gekommen ist. Manchmal ist es sinnvoll, die Ärzte und Therapeuten nicht "für voll" zu nehmen, dies sage ich als Betroffene -und- Ärztin.
Apropos Therapie:
Hat die Störung eine traumatische Genese, so ist die Prognose gar nicht so schlecht. Mit Hilfe einer Therapie, die zunächst daran arbeitet, Stärken (positive Ressourcen) weiter auszubauen und über autoimaginative und hypnotherapeutische Techniken sog. Coping-Mechanismen Methoden die uns helfen inneren und äußeren Stress besser zu überstehen) zu entwickeln, lässt sich relativ rasch (durchschnittlich 2 Jahre gegenüber 6-7J tiefenpsycholog. Therapie) eine wesentliche Stabilisierung erreichen. Allerdings sollten sich Betroffene vor allzu früher Traumaexploration und Bearbeitung hüten - das ist der kürzeste Weg auf die Geschlossene Station - ich spreche aus eigener Erfahrung. Erst sollte man mit Hilfe der erwähnten Techniken in der Lage sein, anstürmendes traumatisches Material distanzieren und wegpacken zu können.
Ich hoffe, diese Anregungen können helfen, die "Schubladen" noch ein wenig enger zu machen, so dass weniger Leute reinpassen.
auf alle fälle gilt jedoch ein Grundsatz :
borderline -klientInnen können nichts dafür, dass sie so geworden sind, sie müssen jetzt jedoch alles dafür tun, damit sich ihre Lebenssituation verändert !
Körperliche Ebene
Emotionale Ebene
Gedankliche Ebene
Verhaltensebene
Zusammenfassend läßt sich folgendes festhalten:
Schmerzhafte Gefühle und eine emotionale Instabilität entstehen durch:
[1]. eine hohe Sensibilität für emotionale Ereignisse
[2]. Alltägliche emotionale Ereignisse können heftige Reaktionen hervorrufen
[3]. Intensive Reaktionen, die stärker & ausgeprägter sind als im Durchschnitt
[4]. Schwierigkeiten, die intensiven Gefühle & das Anspannungsniveau zu reduzieren
[5]. Gelegentliche Hochs und Tiefs und Veränderung der Gefühle
[6]. Nicht selten besteht eine depressive Grundstimmung
NEUN DIAGNOSTISCHE KRITERIEN
KRITERIUM 1
Schwierigkeiten mit dem Alleinsein, Angst vor Trennungen oder verzweifeltes Bemühen, diese zu verhindern.
Die Betroffenen empfinden zeitweiliges Alleinsein manchmal als immerwährende Isolation, dabei kann das Gefühl der eigenen Existenz, des [lebendig] seins, vorrübergehend ausgelöscht sein.
Während des Alleinseins erleben sich die Betroffenen als gereizt, ängstlich oder fallen in ein depressives Loch.
Verständlicherweise versuchen die meisten, das Alleinsein zu verhindern; entweder durch Betäubung mit Alkohol oder Drogen oder anderen
Impulsiven Verhaltensmustern wie Fressanfällen oder selbstschädigendem Verhalten.
Gelegentlich wird auch nur Druck auf den Partner oder die Umgebung ausgeübt.
Meist findet man es einfacher, vor den Ängsten zu flüchten, als diese durchzustehen.
KRITERIUM 2
Die Neigung, sehr intensive, jedoch instabile Beziehungen herzustellen, die meist durch einen Wechsel zwischer extremer Idealisierung und Abwertung charakterisiert sind.
Die Betroffenen zeigen manchmal einerseits eine Intoleranz gegenüber Trennungen und andererseits Angst vor Intimität, was zu instabilen Beziehungen führen kann.
Der permanente Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Versorgt werden, geht mit der Angst einher, völlig vereinahmt zu werden, was ein ständiges Tauziehen dieser beiden Seiten bedeutet.
Werden die widersprüchlichen Bedürfnisse von der Umgebung nicht erfüllt, kommt es rasch zu einer Abwertung.
Kleinste Zurückweisungen werden schnell als Enttäuschung erlebt und führen in Beziehungen schnell zu Mißverständnissen meist auch zu einer vollständigen Abwertung des eigenen Selbst.
In der Regel führen die Lebenserfahrungen zu einem generellen Mißtrauen.
Ausgehend von der Schwierigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren, kommt es auch auf der Bewertungsebene schnell zu zwei Extremen : gut oder böse.
D.h. , der Gegenüber wird leicht als entweder liebenswert oder verachtend betrachtet.
Auch "normale" Menschen reagieren auf dieses Verhalten unterschiedlich:
Entweder es kommt zu übertriebener Rücksichtsnahme oder Enttäuschung und Rückzug.
Dennoch sind die betroffenen immer wieder in der Lage, andere Menschen für sich zu gewinnen und trotz aller Ambivalenzen stabile Beziehungen aufrecht zu erhalten.
KRITERIUM 3
Identitätsstörungen- die Schwierigkeit zu beschreiben, wer und wie ich in Wirklichkeit bin.
Ein stabiles Identitätsgefühl zu haben bedeutet, über die Zeit hinweg in grundlegender Übereinstimmung mit sich selbst zu sein.
Wenn man ein unsicheres oder kein Identitätsgefühl hat, dann fehlt dieses Gefühl der Übereinstimmung.
Dann mag man den Eindruck haben, daß man nur so ist, wie man gerade in einem Augenblick fühlt und denkt.
Genauso wie die Betroffenen andere Menschen als "nicht immer gleich" - erleben sind sie von ihrem eigenen ICH gegenüber immerwieder irritiert.
Dies kann sich in Orientierungsschwierigkeiten bei der Partnerwahl, bei Entscheidungen in der Berufswahl und andere Langzeit ziele äußern.
Bezüglich ihrer eigenen Selbstbewertung und ihrer Eigenschaften besteht für sie ein schwankendes Bild. Haben sie sich heute aufgrund einer vollbrachten Leistung als kompetent gefühlt, halten sie sich am nächsten Tag wegen eines "blöden Fehlers" für dumm.
Die Personen fühlen sich dann nie als das, was sie einmal waren, sondern eher wie Sisyphus dazu angehalten, den Felsblock immer wieder den Berg hinauf zu rollen, weil sie sich ständig neu beweisen müssen.
Gerade durch dieses Verhaltensmuster zeigen die Betroffenen Beständigkeit und Zähigkeit.
Die Unsicherheit, sich selbst gegenüber, kann durch diese Hartnäckigkeit immer wieder kompensiert werden.
KRITERIUM 4
Potenziell selbstschädigende, häufig impulsive Handlungen wie zb: übermäßiges Geldausgeben, häufig wechselnde sexuelle Kontakte, Drogenmißbrauch, Diebstahl, rücksichtsloses Fahren & Eßstörungen.
Manchmal dienen impulsive Handlungen als Verteidigungsmechanismen gegenüber Gefühlen von der Einsamkeit & der Angst, verlassen zu werden.Bedenkt man die starke Anspannung, die durch einen Konflikt oder Streit ausgelöst werden kann, lassen sich Gefühle wie Traurigkeit,Zorn und Enttäuschung durch die unterschiedlichsten Verhaltensmuster wie Freßanfälle, Kaufräusche, das ziehen durch Bars ect. vertreiben.
Manche machen es sich zur Regel, fast allem aus dem Weg zu gehen. Dieser Mechanismus läßt sich leicht mit Alkohol- und Drogenmißbrauch aufrechterhalten.
Unter Umständen führt dies nur zu einer Verschlechterung des Selbstwerterlebens, was die Vermeidung von KOnfliktlösungen verstärkt.
Aus Hilflosigkeit greifen viele dann zu Verhaltensmustern, die ihnen längerfristig schaden.
Mit diesen Verhaltensmustern haben die Betroffenen gelernt, emotionalen Schmerz auszuhalten um so leichter durch das Leben zu kommen.
KRITERIUM 5
Wiederholte Suizidversuche, Drohungen oder SelbstVerletzendes Verhalten
Da Selbstverletzendes Verhalten meist von Schuld- und Schamgefühlen begleitet ist, geschieht es meist heimlich. Dabei gibt es unterschiedliche Formen ; die häufigsten sind: sich schneiden, sich brennen oder sich schlagen, auch selbsterzeugte Krankheiten gehören dazu. Ebenso sind die Motive für die Durchführung unterschiedlich. Den einen gelingt es so, keinen emotionalen Schmerz mehr zu spüren, die anderen versuchen gerade dadurch, wieder etwas zu spüren und aus der Isolation herauszukommen.
In einem im März 1995 veröffentlichten Artikel im Stern lautet die Überschrift:
Wenn Schmerz die Seele schützen muß.
Viele Menschen mit einer Borderline erkrankung sagen, daß sie während der Selbst-Verletzenden Aktionen keinen Schmerz spüren, und berichten sogar von einer ruhigen Euphorie danach. Durch die Beobachtung von Reaktionen nach schweren Traumen, wie z.B. Kriegsverletzungen, wurde die Vermutung aufgestellt, daß der Körper bei solchen Gelegenheiten biologische Substanzen , z.B. Endorphine, freisetzt, die dem Organismus bei der Selbstbehandlung von Schmerzen helfen.
Bevor die Betroffenen sich Schmerz zufügen, können sie starke Spannungen, Zorn oder überwältigende Traurigkeit fühlen ; hinterher erleben sie ein Gefühl von Erleichterung und die Befreiung von Angst.
Leider kann letzteres dazu führen, daß Selbstverletzendes Verhalten immer wieder eingesetzt wird, ohne die eigentlichen Konflikte zu lösen. Schließlich kann Selbstzerstörendes Verhalten auch signalisieren, daß die Betroffenen Hilfe und Unterstützung brauchen, oder eingesetzt werden, um den Partner an sich zu binden.
Gerade diese Verhaltensmuster dienen regelrecht einer Überlebensstrategie, da sonst die momentane Situation für die Betroffenen nicht mehr auszuhalten wäre.
KRITERIUM 6
Eine ausgeprägte Sensibilität der Stimmung, die von häufigen Stimmungsschwankungen begleitet wird.
Diese Stimmungen wechseln z.B. zwischen Angst, Ärger oder Depression und halten üblicherweise nur wenige Stunden bis selten wenige Tage an. Die Betroffenen machen dabei abrupte Stimmungsschwankungen durch, die durch kleine oder schwerwiegende Irritationen ausgelöst werden können und nur kurze Zeit anhalten.
Die Grundstimmung ist meist nicht ruhig und kontrolliert, sondern eher rastlos, hin und her gerissen, pessimistisch, zynisch oder depressiv.
Dies empfinden die Betroffenen selbst als irritierend ; es kann zu Einschränkungen im Selbstbild und im Verhalten führen und von der Umwelt als störend erlebt werden.
Gerade die negativen Reaktionen des Umfelds erhöhen manchmal noch die Sensibilität der Betroffenen.
KRITERIUM 7
Immerwährendes Gefühl der Leere.
Ausgehend von der Annahme, daß den Menschen mit einer Borderline-Erkrankung im Allgemeinen das Gefühl einer stabilen Grundidentität fehlt, fühlen sie sich einsam und leer.
Der Leidensdruck läßt sich kaum beschreiben- nichts ist da, kein Gefühl - die Person erlebt sich selbst wie einen Hohlraum oder wie tot.
Sie sucht in der Regel nach Möglichkeiten, diese "Löcher" zu stopfen.
Aus diesem Gefühl der Leere entsteht manchmal eine Art existenzielle Angst.
Wenn die Betroffenen diese durchstehen, ist das als hohe menschliche Leistung zu bezeichnen.
KRITERIUM 8
Intensive Wut oder Schwierigkeiten, Wut und Ärger zu kontrollieren, z.B. häufige Gereiztheit, ständiger Zorn, wiederkehrende körperliche Auseinandersetzungen.
Die Zornausbrüche der Personen mit einer Borderline Erkrankung sind massiv und nicht immer vorhersehbar ; im Verhältnis zur auslösenden Situation werden sie auch als unangemessen eingeschätzt.
Der Zorn, der so intensiv ist und so nah unter der Oberfläche brodelt, richtet sich oft gegen Menschen, die den Betroffenen sehr nahe stehen.
Er kann durch emotionale Irrationen, durch Mißverständnisse und Enttäuschungen wachgerufen werden; meist besteht schon eine mißtrauische, ärgerliche Grundhaltung, die auf dem Sprung zur Verteidigung ist. Manchmal muß auch ein Streit dazu dienen, die Stabilität einer Beziehung zu überprüfen oder mehr Distanz in eine Beziehung zu bringen. Die Stärke liegt darin, sich immer und zu jeder Zeit verteidigen zu können.
KRITERIUM 9
Vorübergehendes, streßabhängiges Entfernungs oder Entfremdungserleben oder die Vorstellung, sich bedroht oder verfolgt zu fühlen.
Die Betroffenen haben gelernt, schwierige, traumatische Situationen dadurch zu überstehen, das sie Teile des Bewußtseins ausschalten.
In der Regel fühlt sich der Körper dabei an, als sei er taub oder als gehöre er nicht zur eigenen Person.
Andere wiederum finden sich an einem Ort oder einer Stelle wieder, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen sind bzw. was sie während der dazwischen liegenden Zeit getan haben.
Auch die Fähigkeit, sich weit weg von sich selbst zu fühlen und keinen Schmerz zu spüren, gehört zum dissoziativen Syndrom. Diese Fähigkeit wird nicht selten vor dem Selbstverletzenden Verhalten eingesetzt und dient der reinen Überlebensstrategie.
In Extremsituationen, wenn Betroffene von inneren Bildern und Erinnerungen gequält sind, fühlen sie sich selbst wie gelähmt und erstarrt.
Diesen Zustand nicht mehr aushalten zu müssen, macht es Sinn, einen Mechanismus zu finden, um sich selbst nicht mehr spüren zu müssen.
Insbesondere emotionale Streßsituationen werden als absolut unangenehm, auch als bedrohlich erlebt.
Dies führt manchmal vorrübergehend zu der Wahrnehmung von Stimmen oder Personen, die nicht wirklich anwesend sind.
Dies geschieht nicht immer um der Realität zu entgehen, sondern ist eine Form das früher erlebte Grauen noch in die Lebenswelt der Betroffenen zu integrieren.
In der Regel sind es traumatische Lebenserfahrungen, die zu diesem wiederkehrenden Mißtrauen führen.
DIE STÄRKEN VON MENSCHEN MIT EINER BORDERLINE ERKRANKUNG
Entgegen den in den letzten Abschnitten ausführlich beschriebenen Problembereichen und Schwierigkeiten lassen sich genau diese Verhaltensmuster auch in einem anderen Licht betrachten.
Menschen mit einer Borderline-Erkrankung sind im Grunde genommen eine Art von Lebenskünstlern.
Sie haben trotz hoher innerer Anspannung, trotz impulsiver und destruktiver Verhaltensmuster gelernt, ihr Leben zu meistern.
Sie besitzen eine ausgeprägte Fähigkeit, auch in einem Umfeld zurecht zu kommen, das sich ihnen gegenüber bislang wenig wohlwollend verhalten hat.
Trotz vielfältiger Symtomatik, sind die Betroffenen in der Lage, im zwischenmenschlcihen Bereich Sympatien zu gewinnen, Freundschaften zu pflegen, ihren eigenen Haushalt zu führen und auch sehr kompetent, ihren beruflichen Aufgaben nachzugehen.
All die destruktiven Verhaltensmuster sind Möglichkeiten, mit Krisen und Schmerz besser umgehen zu können.
Man könnte diese Verhaltensmuster paradoxerweise auch Überlebensstrategie nennen.
Gerade die Symtomatik, sich selbst nicht zu spüren oder die Umwelt als weit entfernt wahrzunehmen hilft den Betroffenen über einen inneren Krisenzustand hinweg.
Die Sensitivität der Betroffenen spricht für ihre ausgeprägte Fähigkeit, Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten wahrzunehmen, noch bevor sie in worte gefasst werden können.
Darüber hinaus zeigen sich gerade diese Menschen oft als kreative Persönlichkeiten, die stärker ihre Individualität ausleben, als ein angepasstes, normatives Leben zu führen.
WIE KÖNNEN DIE ANGEHÖRIGEN AUF DIESES ZUSTANDSBILD REAGIEREN
Für die Angehörigen ist es meist sehr verunsichernd, wenn sie von den Selbstverletzungen und den damit verbundenen Folgeproblemen erfahren.
Dies kann, wie bereits erwähnt, vielfältige Reaktionen auslösen.
Manche reagieren mit Schuldgefühlen und Hilflosigkeit, andere mit Enttäuschung und Ärger. Über einen längeren Zeitraum ist auch ein Wechsel von Reaktionen möglich, manche reagieren zunächst mit Fürsorge oder Überbehütung und ziehen sich dann später von den Betroffenen zurück.
Unabhängig davon können durch stützende Familien- und Einzel gespräche die Schwierigkeiten aufgefangen, und bearbeitet werden. Es ist immer das Ziel, ein besseres Verständnis statt gegenseitige Vorwürfe für alle beteiligten zu erreichen.
Meist handelt es sich aber um Familien, in denen es nicht üblich ist, über seelische und familiäre Probleme zu sprechen. Mit derartigen Schwierigkeiten wird umgegangen,als ob sie nicht vorhanden wären insbesondere bei der Vermutung, daß die Probleme und die Selbstschädigung der Betroffenen Ausdruck eines familiären Konflikts sein könnten.
Ganz schwierig wird es, wenn der Vorwurf eines Mißbrauchs im Raum steht, der vielleicht schon einmal oder auch gar nie ausgesprochen wurde.
Hier stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, daß die übrigen Familienmitglieder die Heimlichkeit oder Verleugnung mittragen? Kann es zur Behandlung beitragen, wenn die Familienmitglieder das "Nicht- hinschauen- dürfen" ebenso aushalten wie die Betroffenen?
Wie schon angedeutet sprechen auch die Betroffenen wegen ihrer eigenen Schuldgefühle und der Angst, von den Familienmitgliedern bestraft zu werden, meist nur andeutungsweise über einen Mißbrauch.
Sie brauchen sehr viel Mut und Unterstützung von anderen, um das " dunkle" ans Tageslicht zu bringen.
Im alltäglichen Miteinander wird es schwierig, wenn die Betroffenen in Situationen, in denen sie sich zurückgesetzt, verletzt, ungerecht behandelt oder verlassen fühlen, mit erneuten Selbstverletzungen reagieren.
Das kann die Umgebung enorm unter Druck setzen, weil es Schuldgefühle auslöst und die Angehörigen/Partner/Freunde- Angst vor einer weiteren Selbstverletzung oder vor einem Selbstmord haben.
Unabhängig davon, ob die Angehörigen mit Rücksicht oder Vorwürfen reagieren, meist werden dadurch die Konflikte nicht gelöst und das Verhalten nicht verändert.
Deshalb ist es immer sinnvoll, die Enttäuschung und Wut , sowie die Hilflosigkeit anzusprechen.
Auch die Betroffenen können dadaurch die Reaktionen ihrer Umgebung leichter verstehen.
Im Zweifelsfall sollte man sich therapeutische Unterstützung oder Rat in einer Selbsthilfegruppe holen.
Schon allein die Tatsache, mit diesem Problem nicht allein dazustehen, wird gelegentlich als entlastend erlebt.