Epilepsie
Fast 800.000 Menschen leiden in Deutschland an Epilepsien. Sie leiden nicht nur an ihrer Krankheit, sondern sind vor allem auch von Vorurteilen und Fehlinformationen ihrer Mitmenschen betroffen. Es wird verkannt, daß anfallskranke Menschen - wenn keine zusätzlichen Behinderungen hinzutreten - in der Regel nur durch die Symptome eingeschränkt sind, die während des Anfalls auftreten. Bei optimaler Behandlung können bis zu 80% aller an Epilepsie erkrankten Menschen zuverlässig anfallsfrei werden.
Etwa 2/3 aller Epilepsien beginnen vor dem 20. Lebensjahr. Die Ursachen sind vielfältig. Sie können in Geburtsschäden liegen oder im Erwachsenenalter auf Hirnverletzungen, Hirntumore oder Blutungen zurückgehen. Epileptische Anfälle sind in ihrem Ablauf und ihren Auswirkungen sehr unterschiedlich. Sie können von wenigen Sekunden bis zu einigen Minuten dauern.
Bei Absencen (kleiner Anfall) tritt eine Bewusstseinspause von wenigen Sekunden ein. Ein Betroffener kann nicht reagieren und ist nicht ansprechbar. Oft wird diese Form des Anfalls als Unaufmerksamkeit und Verträumtheit verkannt. Einfache lokale Anfälle äußern sich in Form von Wahrnehmungen, optischen Halluzinationen oder Illusionen. Sie erfolgen bei vollem Bewusstsein und werden nur von einem Betroffenen bemerkt. Von einer Aura, einem "Vorgefühl" spricht man, wenn ein einfacher lokaler Anfall einem Anfall mit Bewusstseinsverlust vorausgeht. Dies erlaubt es den Betroffenen, sich auf einen Anfall einzustellen und schützende Maßnahmen zu ergreifen.
Der große Anfall (Grand Mal), an den viele beim Krankheitsbild der Epilepsie denken, ist bei weitem nicht die häufigste Anfallsform. Sein Erscheinungsbild wirkt aber besonders erschreckend und verunsichernd. Ein Betroffener verliert das Bewusstsein, versteift sich und beginnt am ganzen Körper zu zucken. Während des Anfalls, der etwa 1 bis 1 1/2 Minuten dauern kann, wird die Kontrolle über den Körper verloren. Danach ist man benommen oder desorientiert. Man fühlt sich zerschlagen und benötigt Ruhezeiten.
Bei einer weiteren Form, dem psychomotorischen Anfall, ist das Bewusstsein ebenfalls ausgeschaltet oder eingeschränkt. Es werden oft sinnlose Handlungen wie Kauen, Schmatzen, Treten und Scharren mit den Füßen oder zielloses Herumlaufen ausgeführt. Unverständliche Worte oder Laute werden geäußert. Die Reorientierungsphase nach diesen Handlungsabläufen, die nicht immer als epileptischer Anfall erkannt werden, kann bis zu 1/2 Stunde dauern.
Je nach Art und Häufigkeit der Anfälle sehen die Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit einen GdB zwischen 30 und 100 vor. Ein Anfallsleiden gilt als abgeklungen, wenn ohne Medikation seit drei Jahren Anfallsfreiheit besteht.
Auch wenn keine körperliche und geistige Einschränkung besteht, ist die soziale Beeinträchtigung Anfallskranker oft schwerwiegend. Ihre berufliche Eignung wird in Frage gestellt oder die Risiken am Arbeitsplatz werden überschätzt. Deshalb ist es notwendig, die konkreten Arbeitsplatzanforderungen mit dem individuellen Krankheitsbild in Übereinstimmung zu bringen. Dies kann zum Beispiel durch einfache Schutzvorrichtungen an einer Maschine geschehen. Spürt ein Epileptiker den Beginn des Anfalls, kann es hilfreich sein, ihm in seiner unmittelbaren Arbeitsumgebung einen geschützten Platz zu beschaffen, an den er sich rechtzeitig zurückziehen kann. Ein Einsatz bei Steuerungs- oder Überwachungstätigkeiten kann im Einzelfall wegen der Gefährdung anderer ausgeschlossen sein. Je nach Art und Häufigkeit der Anfälle kann sich auch eine Betreuung Hilfebedürftiger, wie Kinder und Patienten, verbieten. Berufe wie Pilot, Bus- oder Taxifahrer sind für Epileptiker stets ausgeschlossen. Im übrigen dürfen Anfallskranke Fahrzeuge führen, wenn sie eine bestimmte Zeit lang anfallsfrei geblieben sind und keine Hinweise auf eine erhöhte Anfallsbereitschaft vorliegen. Einzelheiten sind einem vom Bundesverkehrsminister herausgegebenen Gutachten "Krankheit und Kraftverkehr" von 1992 zu entnehmen.
Neben dem Bemühen, anfallsauslösende Faktoren und erhöhte Verletzungsgefahren auszuschalten, dürfen auch psychosoziale Faktoren nicht übersehen werden. Die Unvorhersehbarkeit der Anfälle belastet die Betroffenen sehr, ruft Ängste und Verunsicherung hervor.
Wichtig ist, dass Kollegen und Vorgesetzte hinreichend über die Erkrankung informiert sind. Sie müssen wissen, wie sie sich während eines Anfalls zu verhalten haben und wann - möglicherweise - ein Arzt zu rufen ist. Der Arbeitgeber muss sein Haftungsrisiko realistisch einschätzen. Für Verletzungsfolgen, die unmittelbar durch einen Anfall verursacht werden, tritt die gesetzliche Krankenversicherung ein. Tragen betriebliche Einrichtungen, wie etwa laufende Maschinen, zu den Verletzungen bei, handelt es sich um einen Arbeitsunfall, für den die gesetzliche Unfallversicherung zuständig ist. Der Arbeitgeber haftet nur, wenn er den Arbeitsunfall vorsätzlich herbeigeführt hat. Das Gesetz selbst verlangt im übrigen, dass der Arbeitgeber in einem angemessenen Umfang auch besonders Betroffene, wozu auch Anfallskranke gehören, beschäftigt (§ 6). Ihre Beschäftigungspflicht entfällt, wenn ein erhöhtes Risiko durch organisatorische oder technische Maßnahmen nicht reduziert werden kann. Auch strafrechtliche Konsequenzen hat der Arbeitgeber nicht zu befürchten, wenn er die Einsatzmöglichkeiten sorgfältig prüft. Hierbei kann er die fachkundige Beratung von Betriebsärzten, Sicherheitsfachkräften, Berufsgenossenschaften und Hauptfürsorgestellen nutzen.
Für Betroffene selbst gibt es eine große Anzahl von Selbsthilfegruppen.
Grand mal-Anfall
Der bekannteste Anfall ist der Grand mal-Anfall. Mit ihm werden Epilepsien in der landläufigen Meinung verbunden. Er verursachte die Bezeichnung "Krampfanfall".
Der Grand mal-Anfall verläuft in mehreren Phasen, die teilweise auch übersprungen werden können:
Aura: manche Patienten verspüren ein Vorgefühl (die sog. Aura), meist unbestimmt, nicht richtig einzuordnen. Streng genommen handelt es sich hier um einen einfach fokalen Anfall und somit um einen sekundär generalisierten Anfall.
- Dauer: unterschiedlich lang, Sekunden bis Minuten.
Tonische Phase: Sämtliche Muskeln des Körpers versteifen sich plötzlich gleichzeitig. Der Patient ist bewusstlos. Durch die Muskelversteifung kommt es beim stehenden Patienten zum Sturz, je nach Atemlage wird die Luft aus der Lunge durch die geschlossene Stimmritze gepresst (Initialschrei), u. U. beißt sich der Patient auf die Zunge. Da beim Sturz Abwehrreflexe fehlen, kann es zu schweren Verletzungen kommen.
- Dauer: meist Sekunden bis Sekundenbruchteile. Tonische Phase oft nicht erkennbar.
(Atonische Phase: Anstelle der Tonuserhöhung kann es auch zum Tonusverlust kommen, der Patient ist schlaff, bewusstlos und atmet nicht.)
Klonische Phase: Die Beuger und Strecker ziehen sich in rhythmischen Abständen abwechselnd zusammen, es kommt zu rhythmischen Zuckungen, nicht nur der Arme und Beine, sondern auch z.B. der Zunge, wodurch Schaum vor den Mund treten kann (aufgeschlagener Speichel). Die Atemmuskulatur wird nicht ausreichend eingesetzt, so dass es zur Blauverfärbung der Lippen, ggf. auch des Gesichtes kommen kann.
- Dauer: Sekunden bis meist unter 3 Minuten.
Erholungsphase: Das Gehirn hat sehr viel Energie verbraucht, die Nervenzellen sind entladen, der Patient versinkt in einen Tiefschlaf.
- Dauer: sehr unterschiedlich, Sekunden bis Stunden.
Der einzelne Anfall ist selbstlimitierend, d. h. er hört in der Regel ohne äußeres Zutun wieder auf. Das "Blauwerden" ist kein Zeichen für absterbende Hirnzellen, es ist nicht nötig, den Patienten zu beatmen. In der tonischen und der klonischen Phase des Anfalls ist eine Beatmung gegen den Muskeldruck auch nicht möglich. Wenn es zu einem Zungenbiss (selten!) kommt, dann in der ersten Phase, d. h. noch bevor jegliches Eingreifen möglich ist.
Petit mal-Anfall
Petit mal-Anfälle erscheinen weniger dramatisch und werden daher oft nicht als Epilepsie angesehen, die Anfälle häufig üHäufigste Formen im Schulalter sind die: bersehen.
Absencen
Absencen sind kurze Bewusstseinspausen. Sie wurden in der Literatur im Struwwelpeter in Form des "Hans guck in die Luft" beschrieben: Der Blick wird leer, vereinzelt wird der Kopf zurückgeneigt, die Lider blinzeln im Takt von 3/sec, die Kinder sind für die Dauer des Anfalls bewusstlos, können jedoch automatische Dinge (Radfahren, Laufen ...)weiter ausführen oder halten kurz inne. Ohne Übergang wird die angefangene Tätigkeit wieder aufgenommen. Der Anfall dauert meist nur sehr kurz und kann leicht übersehen werden. Im Schulkindalter sind jedoch Serien von Anfällen häufig, d. h. es folgen mehrere Anfälle auf einander. Die meisten Anfälle treten in den Morgen- und Abendstunden sowie bei Ruhe und Langeweile auf. Die Kinder wissen von den Anfällen meist nichts, es sei denn, die Bewusstseinspause macht sich durch eine Veränderung der Umgebung bemerkbar.
Myoklonische Anfälle
Myoklonische Anfälle treten vorzugsweise im Jugendalter auf, es handelt sich um kurze Zuckungen des Schultergürtelbereichs. Meist werden die Anfälle in der ersten Stunde nach dem Erwachen beobachtet, sie stören dann beim Zähneputzen und Frühstücken durch Wegschleudern von Gegenständen.
Myoklonisch astatische Anfälle
Myoklonisch astatische Anfälle sind eine Anfallsform des Kleinkindes- und Kindergartenalters: Die Kinder knicken in den Knien ein und stürzen dabei hin. Oft ist der Anfall mit dem Sturz auch bereits beendet, nur in wenigen Fällen kommt es anschließend noch zu vereinzelten Zuckungen. Die Kinder werden durch die häufigen Stürze verunsichert und zeigen einen breitbasigen Gang, Krabbeln wird lange bevorzugt.
Einfach fokale Anfälle
Einfach fokale Anfälle werden ebenfalls häufig nicht als epileptische Anfälle erkannt. Sie können ein "buntes Bild" darstellen, je nach der Hirnregion, die am Anfallsgeschehen teilnimmt. Da der "Herd" jedoch in der Regel bei dem einzelnen Patienten an einer bestimmten Stelle sitzt, sind diese Anfälle bei der einzelnen Person meist gleichförmig.
Man unterscheidet die Anfälle nach dem Ursprungsort und der Erscheinungsform:
Der Patient ist während des Anfalls bei Bewusstsein, kann somit auf den Anfall reagieren. Gleichzeitig wird von ihm jedoch auch der Kontrollverlust empfunden, so dass fokale Anfälle für den Patienten meist schlimmer sind als generalisierte Anfälle, die sich dem Erleben entziehen. Auch kann es sein, dass der Patient im Anfall nicht reagieren kann, weil z.B. das Sprachzentrum getroffen ist und somit Fragen nicht beantwortet werden können. Von der Umgebung wird das Verhalten des Patienten leicht missdeutet.
Komplex fokale Anfälle
Bei komplex fokalen Anfällen sind mehrere Hirnbereiche betroffen, das Bewusstsein ist eingeschränkt, aber nicht völlig erloschen. So kann es z.B. zu scheinbar sinnvollen Reaktionen kommen. Der Patient kann Abwehrreaktionen zeigen, die jedoch reflexartig und nicht durchdacht sind. Meist werden Nesteln, Schmatzen, Mundbewegungen (orale Automatismen) aus dem Bereich der Nahrungsaufnahme beobachtet. Es können jedoch auch szenische Abläufe wie Ausziehen (auch in der Öffentlichkeit) oder Suchen erfolgen. Mechanische Handlungen können ausgeführt werden, d. h. man kann z.B. einen Patienten u.U. in einen anderen Raum geleiten.
Erste Hilfe bei Anfällen
Das Erleben von Krampfanfällen im Unterricht dürfte eher ein seltenes Ereignis darstellen. Die notwendigen Maßnahmen ergeben sich aus dem Anfallsablauf.
Für alle Anfälle gilt:
Hilfen beim Grand-mal
Der Grand mal-Anfall animiert am meisten zur Hilfeleistung. Normalerweise sind jedoch keine größeren Maßnahmen notwendig:
Die tonische Phase ist oft zu kurz, um überhaupt einzugreifen. Bei vorhandener Aura kann man das Kind u.U. prophylaktisch hinlegen.
In der klonischen Phase sollte man lediglich alle gefährlichen Gegenstände außer Reichweite des Kindes bringen, d. h.:
Keinesfalls!
Im Anfall ist die Muskulatur selbst bei einem Kind so stark, dass bei grober Gewalt (Festhalten) Knochen brechen könnten. Gegenstände werden entweder durchgebissen oder führen zu Kieferbrüchen und Zahnschäden. Durchgebissene Gegenstände können die Atemwege verlegen. Auch die Finger, die der Helfer in den Mund steckt, können durchgebissen werden!
Abgebissene Zungen (eine extreme Rarität) befinden sich außerhalb der Mundhöhle und sind somit ungefährlich. Die Wundversorgung einer verletzten Zunge nach dem Anfall ist ausreichend, die Zunge heilt normalerweise sehr gut. Allenfalls sollte durch Lagerung verhindert werden, dass das Blut eingeatmet wird.
Der Versuch, den Patienten zu beatmen, muss scheitern, da die Muskulatur des Brustkorbes und das Zwerchfell am Anfall teilnehmen. Eine Zufuhr von Sauerstoff führt zu einer Verlängerung des Anfalls.
Die Gabe eines "Notfallmedikamentes" (Diazepam) ist erst bei einer Anfalldauer von mehr als 3 Minuten notwendig. Dies kommt nur in extremen Ausnahmesituationen vor. Diazepamrektiolen werden wie ein "Zäpfchen" verabreicht.
Meist ist es nicht notwendig, den Notarzt zu rufen. Bei bekannter Epilepsie ist es ausreichend, wenn die Eltern baldmöglichst Kontakt zum Epileptologen aufnehmen. Dieser muss entscheiden, ob die Therapie des Kindes geändert werden oder eine Dosisanpassung erfolgen muss.
Beim ersten cerebralen Krampfanfall sollte das Kind umgehend einem Arzt vorgestellt werden, der eine akute Ursache für den Anfall (z.B. Meningitis) ausschließen muss. Dies gilt auch, wenn sich die Anfallsart gewandelt hat oder wenn der Anfall ungewöhnlich lange andauert.
Hilfen bei Absencen
Absencen sind zu kurz für Erste-Hilfe-Maßnahmen. Hier ist vor allem die Beobachtung des Lehrers wichtig, da Absencen meist in der Schule (Morgenstunden) auftreten. Durch Fehlleistungen (unvollständige Sätze im Diktat, Innehalten beim Sprechen) fällt das Kind oft zuerst in der Schule auf, während die zu Grunde liegenden Absencen den Beobachtungen der Eltern häufig entgehen. Langzeit-EEG-Ableitungen bestätigen die Faustregel: "Jede beobachtete Absence entspricht beim Schulkind 100 übersehenen Absencen." Viele Kinder erreichen die "EEG-Ambulanz" nicht unter dem Verdacht von Anfällen, sondern zur Abklärung von Schulleistungsstörungen und Tagträumereien!
Hilfen bei komplex fokalen Anfällen
Komplex fokale Anfälle führen am häufigsten zu sozialer Ächtung, da sie oft verkannt werden und wenig dramatisch verlaufen.
Das Ende des Anfalls, teilweise auch der Beginn, ist unscharf, der Patient macht einen "vernünftigen" Eindruck und wird u. U. allein gelassen. So kann es zur Selbstgefährdung kommen, weil der Patient gefährliche Handlungen ausführt: z. B. heißes Wasser ausschütten, die Straße überqueren ... .
Unsinnige Handlungen erwecken den Eindruck einer Geisteskrankheit oder einer psychischen Erkrankung: Z. B. führt das Ausziehen in der Öffentlichkeit zu sozialer Ablehnung, obwohl es nicht der Entscheidungskraft des Patienten unterliegt.
Die Reaktion des Patienten ist nicht berechenbar. So wird wohlgemeinte Hilfe u. U. mit einem Abwehrreflex beantwortet: Der Patient stößt den Helfer weg, trifft ihn an empfindlichen Stellen und es wird ihm dann die Absicht des Weh-tun-Wollens unterstellt.
Die Erste Hilfe besteht hier wesentlich aus dem Begleiten: